Wo Bowie von der Berliner Mauer sang

Ganz am Schluss der Tour durch die Hansa Studios schauen alle ehrfürchtig durch ein Fenster. Hier stand David Bowie im Jahr 1977, von hier aus hatte er einen unverstellten Blick auf die deutsch-deutsche Grenze, auf grauen Sichtbeton, Stacheldraht und Wachturm – und auf ein Liebespärchen, das sich Tag für Tag direkt vor der Mauer traf. Die Szene hat Bowie in seiner Hymne „Heroes” verewigt. Es ist bis heute sein berühmtester Song.

Im Schatten der Mauer

„Lange dachten alle, dass es sich bei besagtem Pärchen einfach um zwei Unbekannte handeltet, die Bowie zufällig beobachtete“, sagt Thilo Schmied. Inzwischen vermutet man, dass es wohl der Produzent Tony Visconti und eine Backgroundsängerin waren, die zu der Zeit eine heimliche Affäre hatten. Bowie lebte von 1976 bis 1978 in einer Art freiwilligem Exil in Berlin, unter anderem deshalb, um von seiner Drogensucht wegzukommen. Oft telefonierte er von der Rezeption im Foyer der Hansa Studios aus mit seiner Familie und versicherte, wie traurig und ruhig  es im ummauerten Berlin zugehe, nur um danach mit seinem Kumpel Iggy Pop um die Häuser zu ziehen.

Schmied hat noch viele solcher Insider-Stories auf Lager. Der gelernte Toningenieur hat lange für große Plattenfirmen wie BMG gearbeitet, heute organisiert er Stadtführungen durch Berlins Musik- und Clubszene. Wer die Hansa Studios besucht, wandelt nicht nur auf den Spuren berühmter Bands und Musiker, sondern erfährt auch einiges über die Geschichte Berlins.

Ausgezeichnete Akustik

Das Gebäude mit den markanten neoklassizistischen Säulen wurde 1910 von einer Handwerkerinnung als Verbandshaus erbaut; in dem großen Konzertsaal, dem sogenannten Meistersaal, wurden angehende Handwerksmeister gekürt. Später, in den goldenen 20er Jahren wurde hier ausgiebig gefeiert. Die großen Vergnügungsetablissements wie Haus Vaterland am Potsdamer Platz waren nur einen Katzensprung entfernt. In der Nachkriegszeit fungierte das Haus mit der bombenzerfressenen Fassade als Theater, doch mit dem Bau der Mauer war es vorbei mit Kabarett und Kleinkunst. Das alleinstehende Gebäude lag abgeschieden vom kulturellen Leben zwischen dem Niemandsland des Potsdamer Platzes und der streng bewachten innerdeutschen Grenze.

Die isolierte Lage sollte sich indes bald als Vorteil erweisen. Bereits in den 60er Jahren nutzen Künstler wie Peter Alexander und Zarah Leander die ausgezeichnete Akustik des Meisersaals für Schallplattenaufnahmen. 1976 erwarb der alteingesessener Berliner Musikverlag Meisel das Anwesen und richtete dort die Hansa Studios ein. Es sollte als „Studio by the Wall“ in die Musikgeschichte eingehen.

U2 und Depeche Mode haben hier aufgenommen

Wer in Studio 1 in die Hände klatscht, hört nur ein kurzes Echo. Holzverkleidung und schräg verlaufende Decken und Wände schlucken den Hall. Das gigantische Mischpult mit den vielen Reglern mutet an wie die Schaltzentrale eines Raumschiff. Heute, im Zeitalter der Digitalisierung, wo Sounds am Rechner erzeugt werden, wirkt das anachronistisch. Damals war es topmodern. Rund 6 Millionen D-Mark investierte die Familie Meisel in Produktionstechnik, erzählt Schmied. In Verstärker und Effektmaschinen, mit denen Töne verzerrt, komprimiert oder gedehnt werden können. Bands wie U 2 und Depeche Mode experimentierten damit.

Der spezielle Sound von „People are People“ etwa, bei dem sample-basierte Maschinenklänge auf Synthiepop treffen – er entstand in diesen Räumen. Es war der Startschuss einer Riesenkarriere für die damals 20-jährigen Briten. Schmied zeigt Fotos aus dem Jahr 1984. Man sieht die Bandmitglieder von Depeche Mode mit blondtoupierten Haaren, dunkel umrandeten Augen und Riemchensandalen vor der graffitibesprühten Mauer stehen, unweit der Studios in der Köthener Straße.

Bowie forever

Auch heute sind die Hansa Studios eine beliebte Adresse für Musikschaffende aus aller Welt. Erst kürzlich hat hier Herbert Grönemeyer sein neues Album aufgenommen, im letzten Jahr die britische Band Manic Street Preachers, auch R.E.M. und Supergrass waren hier. Viele Bands schätzen es, dass man analoge und digitale Aufnahmetechnik kombinieren kann, auch die Studiomieten von 1000 Euro pro Tag seien vergleichsweise günstig, erzählt Schmied. Aber letztlich geht der Mythos der Hansa Studios auf David Bowie zurück, der hier die wegweisenden Platten „Low“ und „Heroes“ aufnahm und mit seiner Musik Generationen beeinflusste.

Im Regieraum kommen alle noch mal in den Genuss von Bowies berühmten Song. Schmied dreht die Regler hoch und der eigentümlich leiernde, an- und abschwellende Sound von Gitarren, Drums und Synthesizer setzt ein, füllt den Raum aus, wird dichter und dichter. „I remember standing by the wall and the guns shot above our heads and we kissed as though nothing could fall“, singt Bowie und fast scheint es so, als stünde er neben einem.

Berlin Musictours organisiert exklusiv Führungen durch die Hansa Studios. Die deutsch- und englischsprachigen Touren dauern etwa 2 Stunden und kosten je nach Anzahl der Teilnehmer zwischen 15 und 30 Euro. Termine unter musictours-berlin.de

Top Five
Bekannte Platten aus den Hansa Studios – eine Auswahl

David Bowie “Heroes”
Depeche Mode “Construction Time Again”
Iggy Pop “Lust for Life”
U 2 “Achtung Baby”
Nina Hagen Band „Nina Hagen Band“

Der Text ist im Frühjahr 2014 in der 8. Ausgabe des Potsdamer Platz Magazins ‚The Platz‘ erschienen.

Seiten: 12

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