In Syrien gibt es keinen Elternabend

(für klasseKinder!) Integration bedeutet Widersprüche auszuhalten, sagt der Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani. Ein Gespräch über kulturelle Missverständnisse und migrationssensible Erziehung.

klasseKinder!: Derzeit werden wieder viele Kinder mit ganz unterschiedlichen Migrationsgeschichten eingeschult. Wie können Pädagogen und Erzieher mit dieser Vielfalt gut umgehen?

Aladin El-Mafaalani: Indem sie so offen wie möglich auf die Kinder zugehen und nicht voraussetzen, dass alles so läuft wie  gewohnt. Viele Missverständnisse entstehen, weil wir davon ausgehen, dass unsere Strukturen in der Schule, unsere Tagesabläufe, unsere Umgangsformen überall bekannt sind.

Ist es hilfreich, sich mit den Herkunftsländern und der Kultur dort zu beschäftigen?

Ich denke, es reicht aus, sich bewusst zu machen: So wie wir uns verhalten, wie wir unsere Kinder erziehen, wie wir Unterrichtsstoff vermitteln – das ist unser Modell. In anderen Ländern auf der Welt gibt es andere Modelle.

Ein Beispiel?

Schwimmunterricht, Klassenfahrten oder Elternabende sind in Deutschland normal. In Syrien nicht. In Deutschland suchen Lehrer bei Schulproblemen mit den Kindern das Gespräch mit den Eltern. In vielen anderen Ländern nicht. Dafür haben Lehrer dort oft viel umfassendere Befugnisse als bei uns und regeln alles selbst.

Hier in Deutschland läuft es anders. Da erwartet die Schule von den Eltern, dass sie sich einbringen und ihre Kinder unterstützen.
Das müssen Schulen gut erklären und schon im Vorfeld transparent machen. Wir können von anderen Einwanderungsländern lernen, etwa Kanada. Dort notieren die Pädagogen im Laufe eines Schuljahres, in welchen Situationen es zu Missverständnissen und Problemen kam. Daraus entsteht ein Handzettel, der zum Anfang des nächsten Schuljahres in verschiedene Sprachen übersetzt und den Eltern ausgehändigt wird. Hierzulande erwarten wir, dass Mütter oder Väter zum Elternsprechtag kommen; dass sie anrufen, wenn das Kind krank ist und solche Sachen. Wenn die Eltern diesen Handzettel unterschreiben, erzeugt das zusätzlich Verbindlichkeit.

Manche Konflikte entstehen aufgrund traditioneller Rollen- und Frauenbilder. Es gibt Väter, die geben Erzieherinnen aus religiösen Gründen nicht die Hand. Wie geht man damit um?

 Ich kenne kein Patentrezept. Das muss jede Schule, jeder Hort selbst lösen. Vielleicht hilft es daran zu denken, dass der Erziehungsauftrag nur das Kind einschließt und nicht den Vater. Was ich weiß, ist: Wenn Lehrerinnen und Erzieherinnen Probleme mit muslimischen Jungs haben, nehmen sie oft an, dass sie als Frauen nicht ernst genommen werden. Das liegt aber in den meisten Fällen nicht am Rollenbild, sondern am Pädagogikstil: In vielen Ländern wird sehr hierarchisch erzogen. Lehrerinnen und Lehrer treten autoritärer auf und die Kinder haben weniger Entscheidungsfreiheit als hier in Deutschland

 Welche kulturellen Missverständnisse gibt es noch?

Arabische Mütter und Väter verkleiden eine Aufforderung nicht als Frage, so wie es hierzulande üblich ist. Sie sagen: Heb das auf! Mach das jetzt! In deutschen Schulen sagt man eher: Könntest Du das jetzt bitte aufheben? Wenn die Schüler dann Nein sagen, empfinden Deutsche das oft als Provokation.

Sie plädieren für eine migrationssensible Pädagogik – was bedeutet das genau?

Es gibt migrationsspezifische Besonderheiten, die zu Spannungen zwischen Eltern und Kindern führen und Konflikte auslösen. Diese Effekte haben Forscher auf der ganzen Welt bei Migrantenfamilien festgestellt. Unabhängig vom Herkunftsland, unabhängig davon, ob Menschen freiwillig ausgewandert sind oder flüchten mussten. Pädagogen sollten darüber Bescheid wissen und damit umgehen können. Das ist meiner Meinung nach ergiebiger, als sich mit zehn verschiedenen Kulturen zu beschäftigen.

Was sind das für Effekte?

 Migration bedeutet immer Verlust von Identität. Man landet in der Fremde, verliert in aller Regel seine Netzwerke, seinen Sprachraum und seinen Status. Wo man ankommt, ist man erst einmal ganz unten. Diese Identitätskrise überwinden Migranten oft, indem sie konservativer werden. Sie wollen das wenige bewahren, was sie mitgenommen haben – und beschäftigen sich plötzlich viel intensiver als vor der Auswanderung mit Religion und Tradition ihres Herkunftslandes.

Der andere Effekt hängt damit zusammen, dass sich die Hoffnungen auf ein besseres Leben in der neuen Heimat oft nicht schnell erfüllen. Viele Eltern projizieren ihre gescheiterten Lebensträume auf ihre Söhne und Töchter. Weltweit haben Migranten die höchsten Erfolgserwartungen an ihre Kinder.

Und die merken: Wenn ich so bleibe wie meine Eltern, dann funktioniert das nicht.

 Es ist ein Widerspruch. Die Eltern drängen ihre Kinder: Werde erfolgreich! Und sie ziehen an ihnen: Bleib so wie wir. Das erleben Kinder von Flüchtlingen und Arbeitsmigranten gleichermaßen als Dilemma, egal ob sie aus Syrien, Eritrea, Vietnam oder der Türkei stammen. Dieses Dilemma können Lehrer und Erzieher pädagogisch begleiten.

Können Erzieher mit Migrationshintergrund eine Brücke zu Eltern und Kindern mit ausländischen Wurzeln schlagen? Ihr Anteil ist immer noch niedrig, er liegt bei etwa 9 Prozent.

Das sind wahrscheinlich 8 Prozent mehr als vor 20 Jahren! Die Muttersprache von Erziehern mit Migrationshintergrund kann natürlich helfen. Und unter Umständen fällt es ihnen leichter, Konflikte zu verstehen, die Kinder aus anderen Ländern haben. Aber das heißt nicht, dass sie besser damit umgehen können. Der Migrationshintergrund allein verhilft nicht automatisch zu interkultureller Kompetenz oder Migrationssensibilität.

ALADIN EL-MAFAALANI ist Professor für Politikwissenschaft und Politische Soziologie. Er lehrt und forscht an der FH Münster zu den Themen Migration, Integration, Bildung und Jugend. Sein Buch „Migrationssensibilität: Zum Umgang mit Globalität vor Ort“ erscheint voraussichtlich Ende des Jahres im Betz Verlag.

Foto Porträt: FH Münster/Wilfried Gerharz
Gestaltung der Seite Magazin-Seite: Büro Magenta, Freiburg
Illustrationen: Beate Autering, Beworx

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