Eine Insel zum Träumen

 Die erste Sensation ereignet sich bereits, bevor es richtig losgeht. „Guck mal Mama, eine Schlange!“ schreit die Tochter. Tatsächlich. Eine schlanke armlange Natter gleitet von einem Stein ins Wasser. Sie wird eine Weile neben dem Motorboot schwimmen, das uns zur Insel Werder bringt.

Die liegt in der Mitte des Gudelacksee im Norden Brandenburgs und war bis vor wenigen Jahren komplett zugewuchert. Dann hat sie ein Architekt aus Berlin gekauft, um dort in Naturpädagogik-Projekt zu starten. „Feste Termine haben wir nicht, wie stellen uns auf jeden Besucher, auf jede Gruppe individuell ein“, sagt der freundliche Inselverwalter Steffen Schindel am Telefon. Es gäbe einen Gemüsegarten, Schafe, Pferde und Ziegen, einen See und viel Platz, wir sollen doch einfach mal vorbeischauen.

Und so machen wir uns an einem spätsommerlichen Samstagvormittag auf den Weg nach Lindow, das mit den klassizistischen Fassaden und den Linden geradewegs aus einer Erzählung Theodor Fontanes zu stammen scheint. Am Hafen sind wir mit dem Mitarbeiter von Schindel verabredet, der uns zur Insel bringen und herumführen soll.

 Waschbären, Biber, Rehe und zwei Rentner

Wie so oft, wenn wir ins Umland fahren, müssen wir uns bei der Ankunft erst einmal die Augen reiben. Standen wir nicht eben erst unter Neonröhren in einem überfüllten Supermarkt in Berlin? Und jetzt, nur eine gute Autostunde später, märkische Bilderbuchidylle: Wie ein blaues Tuch liegt der Gudelacksee da, umrahmt von grünen Wäldern, weiße Segel hüpfen auf dem Wasser.

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20 Minuten dauert die Überfahrt. Wir sitzen in einem Boot mit Außenbordmotor, gesteuert von Lothar Gast. Der Ranger könnte mit seinem wettergegerbten Gesicht und dem Leder-Perlenschmuck am Hut gut als Freizeit-Indianer durchgehen. Das passt irgendwie zur Ringelnatter, und zu den anderen wilden Tieren, die auf der Insel leben. Fischotter, Waschbären, Biber, Fledermäuse, ja sogar sechs Rehe hätten sich auf der Insel angesiedelt, erzählt Gast, dem seine Meißener Herkunft unverkennbar anzuhören ist. „Die sind vom Festland rübergeschwommen“ .

Die ersten Lebewesen, die uns auf Werder begrüßen, sind allerdings zwei Rentner, die sich auf Campingstühlen sonnen. Die Insel war schon zu DDR-Zeiten ein beliebtes Ausflugsziel von Wassertouristen. Auf ihren Bade- und Grillausflügen hinterließen sie allerdings auch jede Menge Abfall. Zwei Jahre hat es gedauert, die Insel zu entmüllen, noch heute finden Naturschützer Relikte aus der Vergangenheit, etwa alte Brennspiritus-Glasflaschen. Heute können Freizeitkapitäne an einem offiziellen Wasserwanderrastplatz anlegen, der noch unter städtischer Verwaltung steht. Von dort startet auch ein Erkundungspfad. Etwa eine Stunde dauert es, bis man die Insel umrundet hat.

Im Bauerngarten wachsen alte Gemüsesorten

Er führt uns zu einer sanft abfallenden Wiese mit uralten Apfel- und Kirschbäumen, die in der Mitte eine Feuerstelle hat. Unten schimmert das Wasser des Sees durch die Birkenstämme. Oben steht das einzige Gebäude der Insel, eine Scheune. Dahinter haben Gast und sein Chef einen Bauerngarten angelegt und Obstbäume gepflanzt. „Wir betreiben hier ausschließlich ökologische Landwirtschaft ohne Mineraldünger und Chemie“, sagt Gast. Gelbe, grüne und tiefrote Tomaten hängen an Stauden, es sind zum Teil seltene Sorten, die vor dem Aussterben bewahrt werden sollen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA Zum Duschen nimmt man die Gießkanne

Seit kurzem werden die Erzeugnisse von Werder auch in einem Laden in Lindow vermarktet, ansonsten dienen sie hauptsächlich der Verpflegung der Besucher. Die können auf Werder ein paar Stunden, ein Wochenende oder sogar einige Tage verleben. Damit verbunden ist ein kleines Abenteuer: Auf der Insel gibt es weder Strom noch warmes Wasser, nur eine Komposttoilette in der Scheune. Geschlafen wird im Zelt, gekocht unter freiem Himmel, zum Duschen nimmt man die Gießkanne – oder, noch naheliegender, man geht im See baden. Damit die Reinigung keine Spuren in der Natur hinterlässt, stellt das Inselteam sogar rein pflanzliche Duschgels und Zahnpasta zur Verfügung.

Wie sich einfaches Leben ohne Komfort inmitten der Natur anfühlt, wollen hauptsächlich Familien mit Kindern wissen. Aber auch Betriebsausflüge und Hochzeiten wurden schon auf der Insel gefeiert, erzählt Gast. „Wir haben auch schon Klassenfahren und Feriencamps betreut.“ Bei einwöchigen Aufenthalten wird jeden Tag aufs Festland übergesetzt und eingekauft.

 Holz hacken, Gemüse schnibbeln – selbst ist der Gast

Doch auch wer nur ein paar Stunden hier zu Gast ist – so wie wir – kann sich dem Zauber Werders nicht verschließen. Der Reiz der Insel liegt in dem Nebeneinander von Kulturlandschaft und Biotop. Verwunschene Erlenbrüche wechseln sich mit Steinobstwiesen ab, Pferde grasen hinter Gattern, am Waldrand blühen rosa und gelb wilde Stiefmütterchen. Geübte Reiter dürfen ohne Begleitung über die Insel galoppieren, für alle anderen besteht die Möglichkeit, geführte Touren zu unternehmen – man muss es nur vorher absprechen, denn dafür buchen die Inselranger externes Personal.

Herrlich, diese Stille!

Gast zeigt uns die verfallenen Überreste alter Ziegelmauern. Bis 1950 wurde hier Ton abgebaut und weiterverarbeitet, zeitweise lebten bis zu 300 Menschen auf der Insel. Wir kreuzen einen Wildnispfad, hier kann man sich an Seilen über sumpfige Gewässer hangeln. Weiter geht es über schwankende Brücken durch mannshohes Schilf zu einem See. Er ist voller Schleie, Hechte und Zander, wer will, kann hier angeln und den Fang dann später im Ofen räuchern.

„Seht Ihr die Bäume da drüben, deren Äste so weiß leuchten? Passt auf!“ Gast klatscht zweimal in die Hände und plötzlich ist der Himmel schwarz. Hunderte Kormorane kreisen über unseren Köpfen. Die Tochter staunt.

 Dann unterbricht ein Handyton die Idylle. Neue Besucher sind gekommen und Gast muss weiter. Wer hier übernachtet, ist beschäftigt: Mit Holz hacken, Ofen heizen, Gemüse schnibbeln. Wir reisen heute wieder ab und haben noch etwas Zeit. Die Tochter badet. Die Mutter legt sich auf die Wiese. Bienen summen, Grillen zirpen. Herrlich, diese Stille.

Das nächste Mal bleiben wir über Nacht.

 

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