So müde

(für kizz) Kinder, die schlecht ein- oder durchschlafen, sind eine Herausforderung für die ganze Familie. Experten raten zu Ritualen und Gelassenheit.

An Schlafmangel müssen sich Väter und Mütter gewöhnen. Insbesondere im ersten Jahr gehört er zum Elterndasein ebenso dazu wie Windelwechseln und Buggy-Schieben. Zwar schlafen Neugeborene 16 Stunden oder mehr, aber in unregelmäßigen Phasen über den ganzen Tag verteilt. „Neugeborene können noch nicht zwischen Tag und Nacht unterscheiden“, erklärt die Berliner Hebamme Anne Schwarz. „Das Ein- und Durchschlafen im eigenen Bett ist etwas, was Babys erst lernen müssen.“

Eltern können sie dabei aktiv unterstützen. Wenn Babys signalisieren, dass sie müde sind, soll man sie in die Horizontale auf den Arm nehmen, so, dass der Rücken rund ist, und sagen ‚Jetzt ist Schlafenszeit, mach die Augen zu‘, rät die Hebamme. So lernen Babys, dass Einschlafen bedeutet, in sich selbst den Punkt zum Loslassen zu finden. „Wer das gelernt hat, wird später auch als kleines Kind ohne Hilfsmittel wie Mamas Brust oder Spieluhr selbständig einschlafen“, sagt Anne Schwarz, die seit vielen Jahren Eltern zum Thema Schlafen berät.

Körperkontakt ist wichtig

Das bedeutet nicht, dass man sein kleines Kind minutenlang alleine im Zimmer weinen lässt, bis es eingeschlafen ist, wie die höchst umstrittene Ferber-Methode („Jedes Kind kann schlafen lernen“) suggeriert. Körperkontakt ist wichtig, festhalten ist wichtig, Ruhe und Geduld sind wichtig, sagt Anne Schwarz. Aber eben auch ein Stück weit Konsequenz oder freundliche Hartnäckigkeit, wie sie es nennt. „Es geht nicht um die Ausübung von Macht, sondern um elterliche Führung. Eltern machen ihren Kindern klar, dass jetzt Schlafenszeit ist. Und die Kinder dürfen protestieren, das ist völlig ok. Eltern sollten sich dabei nicht aus dem Konzept bringen lassen.“

Am Ende des ersten Lebensjahres sind dann viele Babys soweit, dass sie durchschlafen können. Das heißt aber nicht, dass es ab dann reibungslos läuft. Im Gegenteil: „Es gibt auch in der Kita- und Schulzeit immer wieder mal Phasen, in denen Kinder schlecht einschlafen oder nachts aufwachen. Das ist völlig normal“, sagt die Kinderärztin Ulrike Blümlein. Meistens sind solche Schlafstörungen entwicklungsbedingt und gehen von selbst wieder vorbei.

So haben Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren oft Alp- oder Angstträume, weil in diesem Zeitraum Fantasie und Vorstellungskraft aufblühen. Wenn sie aufwachen, können sie nicht zwischen Traum und Wirklichkeit unterschieden. Auch aufregende Erlebnisse im Kindergarten oder die Ankunft eines Geschwisterkindes können den Schlaf durcheinander bringen.

Kuscheleinheiten helfen

Kinder, die mitten in der Nacht aufwachen, weinen und nach den Eltern rufen, brauchen Trost und Zuwendung. Was sie in aller Regel nicht brauchen, ist etwas zu essen. Deswegen raten Kinderärzte auch davon ab, nach dem ersten Lebensjahr nachts nochmal die Flasche geben. Denn damit bestärkt man den Rhythmus der nächtlichen Wachphase. Eine Kuscheleinheit von Mama oder Papa, bei der das Licht gedimmt oder ausgeschaltet bleibt, genügt oft, um Kinder wieder in den Schlaf finden zu lassen – wenn sie sich sicher und geborgen fühlen, können sie loslassen.

Ob man sich selbst zu dem Kind ins Bett legt, um es zu beruhigen oder das Kind zu den Eltern ins Bett schlüpfen darf, muss jede Familie individuell entscheiden. Aus kinderärztlicher und schlafmedizinischer Sicht ist beides ok, sagt Blümlein. „Schlafmediziner empfehlen nur, dass Kinder im ersten Lebensjahr im eigenen Bett im Zimmer der Eltern schlafen. Das verringert  die Häufigkeit des plötzlichen Säuglingstodes (SIDS) stark.“

Mütter, die stillen, lassen ihr Baby meistens ohnehin gerne nahe bei sich schlummern, damit sie schnell auf die ersten Signale reagieren können. Aber auch wenn die Kinder älter sind, finden es manche Eltern praktischer und gemütlicher, wenn alle ein Bett teilen. Nicht von ungefähr ist das Internet voll mit Do-it-yourself Bauanleitungen für große Familienbetten, in denen auch mehrere Geschwister Platz finden. Anderen gefällt das nicht, dann kann man Kompromisse finden, etwa in Form einer Matratze neben dem Kinderbett, auf der Papa oder Mama solange liegen bleiben, bis der kleine Quälgeist wieder in den Schlaf gefunden hat.

Abends helfen altersgerechte Einschlaf- und Bettrituale. Sie sollten sich jeden Tag wiederholen und nicht länger als eine halbe Stunde dauern. Bis solche Rituale wirken, kann es allerdings dauern, manchmal vier Wochen und länger.

Von Medienkonsum raten Schlafmediziner ab, das macht die Kinder meistens wacher. Überhaupt ist es besser, unmittelbar vor dem Schlafengehen auf alles zu verzichten, was an- oder aufregt, egal ob Computerspiele oder Kissenschlachten. „Anstatt dessen empfehlen wir immer, die Kleinen tagsüber auszupowern“, sagt die Kinderärztin Ulrike Blümlein. Kinder, die körperlich aktiv sind und sich viel bewegen, sind abends auch müde.

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Interview
„Kleine Kinder sind Frühaufsteher“

 Frau Dr. Blümlein, manche Fünfjährige schlafen 12 Stunden, andere nur acht. Was ist normal, was nicht?
Beides. Eltern können sich an groben Richtlinien orientieren, wenn sie wissen wollen, wieviel Schlaf Kinder in welchem Alter brauchen. Aber Normen gibt es nicht. Gerade im Kindesalter sind sehr große Schwankungen an der Tagesordnung. Das verunsichert viele Eltern.

Ab wann merke ich denn, dass mein Kind zu wenig Schlaf bekommt?
Wenn Kinder tagsüber sehr müde und reizbar sind, wenig essen und krank wirken, kann das ein Anzeichen sein, dass sie zu wenig schlafen oder die Schlafqualität eingeschränkt ist. Solange sich sie sich wohl fühlen, einen ausgeglichenen Eindruck machen und sich entwickeln, ist alles ok.

Gibt es denn die unterschiedliche Schlaftypen Eulen und Lerchen?
Die gibt es, die unterschiedlichen Typen kristallisieren sich aber in der Regel erst im Schulalter heraus. Kleine Kinder sind meistens Frühaufsteher.

Was untersuchen Sie im Schlaflabor?

Wir haben Geräte, die verschiedene Parameter messen, während das Kind schläft, also etwa, ob es sich stark bewegt oder wieviel Sauerstoff im Blut ankommt. Kinder, die sich stets unausgeschlafen fühlen, leiden möglicherweise unter Atembeschwerden, Schnarchen oder Atmungsstörungen, sogenannter Schlafapnoe. Das liegt häufig daran, dass die Gaumenmandeln oder die Rachenmandel (Polypen) vergrößert sind. Ein– und Durchschlafstörungen haben aber in der Regel keine körperliche Ursache.

Ulrike Blümlein ist Kinder- und Jugendärztin und leitet das Kinderschlaflabor am Carl-Thiem-Klinikum Cottbus.


Mittagsschlaf im Kindergarten

Schlaf hat eine enorme Bedeutung für das Gedächtnis, die Konzentrationsfähigkeit, den Stoffwechsel und das Immunsystem – weshalb ein Mittagsschlaf auch im Vorschulalter noch wichtig ist. Laut Deutscher Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) kann sich „insbesondere für Kinder, die weniger als 10 Stunden Nachtschlaf bekommen, ein Mittagsschlaf positiv auswirken.“ Weil aber jedes Kind unterschiedliche Schlafbedürfnisse hat, sollten sich Eltern, Erzieher und Kind individuell darüber abstimmen, ob ein Mittagsschlaf erforderlich ist, und wenn ja, wie lange. Man kann auch vereinbaren, dass sich Kinder, die nicht schlafen wollen oder müssen, im Kindergarten für eine bestimmte Zeit nur ausruhen – möglichst räumlich getrennt von den Schlafenden.

Mehr Infos unter www.dgsm.de

Erschienen in kizz November/Dezember 2016. 

Fotos: kizz / Herder Verlag
Unsplash/ Laura Lee Moreau

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