Warum Spielen in der freien Natur für Kinder so wichtig ist

(für klasseKinder!) Kinder, die draußen spielen, sind beweglicher, nicht nur körperlich, auch im Kopf.  Ein Interview mit der Kindheitsforscherin Christiane Richard-Elsner.

 klasseKinder!: Frau Richard-Elsner, warum ist es wichtig für Kinder, draußen in der Natur zu sein?
Christiane Richard-Elsner: Kinder wollen sich viel bewegen – im späten Grundschulalter ist das Bewegungsbedürfnis besonders groß – und sie wollen forschen und experimentieren, also das tun, was wir spielen nennen. Das alles können sie in der Natur besonders gut.

Warum?
Ein Wald oder eine Wiese mit Büschen und Bäumen sind sogenannte unspezifische Räume, mit unspezifischen Materialien. Das heißt, alles was da ist – Steine, Sand, Äste, Flächen – ist nicht definiert. Kinder können selbst bestimmen, was sie damit machen und das ist eben je nach Charakter und Tagesform ganz unterschiedlich: Fußballspiele, Rollenspiele, aus Ästen etwas bauen oder sich einfach ausruhen.

Das Spielen in der Natur ist also sehr flexibel.
Ja, und es ist weniger geschlechterspezifisch geprägt. Zubetonierte Schulhöfe sind für Mädchen oft nicht so attraktiv, in naturnahen Räumen toben sie jedoch genauso viel herum wie die Jungs, das belegen Studien. Auch auf das Sozialverhalten hat das Spielen draußen einen positiven Einfluss, weil ohne vorgegebene Materialien Kinder viel mehr miteinander reden und verhandeln müssen. Zudem haben Kinder, die bei Wind und Wetter raus gehen, bessere Abwehrkräfte. Und nicht zuletzt entwickeln sie ein Bewusstsein für die Natur, die Tiere und die Pflanzen, für ökologische Zusammenhänge.

Was sonst noch können Kinder draußen lernen?
Wenn Kinder frei forschen, experimentieren und spielen können, haben sie viele positive Erlebnisse, sie erleben Unvorhergesehenes, Dinge, die sie überraschen. Die Nervenverbindungen, die dabei im Gehirn geknüpft werden, sind besonders langlebig. Das weiß man aus der Neurobiologie. Und dafür bietet die Natur die besten Voraussetzungen, weil sie sich ständig ändert: Die Sandburg, die man gebaut hat, zerbröselt, wenn die Sonne zu lange darauf scheint, der Stock, den man zum Angeln nehmen will, zerbricht – wie löse ich das, was mache ich jetzt? Naturerfahrungen haben immer auch etwas mit Kreativität zu tun.

Wie kann man in der Ganztagsschule Natur- und Umwelterfahrungen einbauen?

Zuerst einmal ist es wichtig, innerhalb des Kollegiums Wertschätzung für dieses Thema aufzubauen. Dann sollte die Einrichtung das auch im Konzept verankern und nach außen darstellen, damit Eltern und Schüler wissen, worauf sie sie einlassen. Man kann auch Regeln aufstellen, etwa dass der Schulhof auch bei Regenwetter genutzt wird.

Apropos Schulhof. Was, wenn der ganz klein und komplett zubetoniert ist?
Dann sollte man ihn kritisch unter die Lupe nehmen und sich überlegen, wie man ihn möglichst naturnah umgestalten kann. Da gibt es inzwischen viele Angebote, Initiativen und Experten. Ich rate immer, sich die gesamte Freifläche genauer anzuschauen, nicht nur den Schulhof, auch die sogenannten Abstandsflächen oder den Parkplatz.

Sie meine, Schulen sollen den Parkplatz begrünen und umgestalten?
Genau. In der Schule meiner Kinder haben wir das durchgesetzt. Sie wurde, wie viele andere Schulen auch, als Halbtagsschule erbaut. Aber heute sind die Kinder sieben bis acht Stunden in der Schule, sie brauchen Platz und müssen sich bewegen können. Da kann man den Lehrern auch mal zumuten, nicht direkt am Schulgelände zu parken.

Wie sieht es mit Ausflügen aus, sind sie eine Option?
Auf jeden Fall. Schulkinder sind schon ziemlich selbstständig. Für die ist ein Schulhof schnell erschlossen. Fachkräfte können schauen, welche Flächen geeignet und in der Nähe sind – ein Abenteuerspielplatz, ein Park, eine Wiese und dann mit den Kindern dorthin gehen.

Viele Eltern haben Vorbehalte und Ängste, wenn es ums Spielen draußen geht. Wie argumentieren?
Fachkräfte sollten den Eltern ganz deutlich vor Augen führen, was riskanter ist:  Dass ihre Kinder keine ausreichenden motorischen Erfahrungen machen und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie schon als Erwachsene mit Rückenschmerzen oder Herz-Kreislauferkrankungen zu tun haben – oder dass sie mal einen Kratzer abbekommen?

Vor 50 Jahren war es selbstverständlich, dass Kinder nach der Schule und nach den Hausaufgaben draußen spielen waren. Es war Bestandteil alltäglichen Lebens. Diese Kultur ist verloren gegangen. Heute will man die Kinder möglichst vor allen Gefahren und Risiken beschützen. Aber dadurch nimmt man ihnen auch die Chance, zu lernen, wie man damit umgeht. Fallen lernt man nur durch Fallen.

Erzieherinnen und Erzieher haben die Aufsichtspflicht, das heißt, sie tragen Sorge, dass den Kindern nichts zustößt.

Ja, aber gleichzeitig sollen sie die Kinder auch darin unterstützen, selbständig zu werden und Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen. Das geht nicht, wenn man sie auf Schritt und Tritt überwacht. Der Gesetzgeber weiß das, und die Rechtsprechung hier in Deutschland ist daher auch ganz anders als beispielsweise in den angelsächsischen Ländern.

Aufsichtspflicht bedeutet: Die Erwachsenen entscheiden abhängig vom Alter, vom Entwicklungsstand und den Charaktereigenschaften des Kindes, was sie ihnen zutrauen. Und grundsätzlich sind Kinder im Grundschulalter in der Lage, ihre Umgebung spielerisch zu erkunden, ohne ständig beaufsichtigt zu werden. Die Hürde, Hortkinder draußen spielen zu lassen, liegt nicht in unserem Rechtssystem. Selbst die Unfallversicherer geben Broschüren heraus, die sagen, Kinder müssen raus und sich bewegen.

Im Grunde hindert also engagierte Erzieherinnen und Erzieher nichts daran, zu sagen, wir machen einmal in der Woche einen Waldtag?.

Nein.
Dr. Christiane Richard-Elsner koordiniert die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Draußenkinder für den Fachverband ABA und ist Beirätin im Bündnis Recht auf Spiel.
www.draussenkinder.info

Der Text erschien im Februar 2019 in der Zeitschrift klasseKinder!.
Foto auf der abgebildeteten Magazinseite: Sven Kästner.

 

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